Geerbtes Depot: Warum Erben nicht vorschnell handeln sollten
Hinweis: Dieser Text wurde durch den freien Journalisten Alexander Heintze mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz erstellt.
Nach dem Verlust eines Angehörigen müssen Erben oft nicht nur persönliche, sondern auch finanzielle Entscheidungen treffen. Besonders bei Wertpapierdepots herrscht häufig Unsicherheit. Schließlich wurden viele Depots über Jahrzehnte aufgebaut und enthalten nicht selten Aktien, Fonds oder Anleihen, mit denen die Erben selbst bislang kaum Berührung hatten.
Vermögensverwalter beobachten dabei immer wieder dieselben Fehler. „Der größte Fehler, den ich bereits mehrere Male erlebt habe, ist übertriebener Aktionismus“, sagt Stefan Eberhardt von der e/r/w Vermögensmanagement GmbH. Viele Erben glaubten, sie müssten sofort entscheiden, welche Wertpapiere verkauft und welche behalten werden sollen. Dabei bestehe dafür meist überhaupt keine Notwendigkeit. „Ein Depot ist kein tropfender Wasserhahn“, bestätigt Christian Steigleder von Family Partners Switzerland aus Zürich. Die ersten 90 Tage seien zum Verstehen da, nicht zum Handeln. „Es gibt keinen Bonus für schnelle Entscheidungen, aber hohe Strafen für falsche“, so Steigleder.
Ebenso problematisch sei jedoch das andere Extrem. „Ein geerbtes Depot ist häufig die finanzielle Biografie eines anderen Menschen“, sagt Eberhardt. Deshalb sei das unveränderte Festhalten am geerbten Depot keine ideale Lösung. Schließlich spiegele die Anlagestruktur die Ziele, Überzeugungen und Risikobereitschaft des Verstorbenen wider, nicht zwangsläufig die des Erben.
Wer wenig Erfahrung mit Wertpapieren habe, neige dazu, aus Unsicherheit alles zu verkaufen und das Geld erst einmal auf dem Konto zu parken, ist die Erfahrung von Philip Morgen von Morgen Invest. „Genau das kann jedoch teuer werden“, rät er zu mehr Gelassenheit. Denn bei einer Schenkung oder Erbschaft würden in der Regel die ursprünglichen Anschaffungsdaten der Wertpapiere übernommen. In lange aufgebauten Depots steckten daher oft erhebliche unversteuerte Kursgewinne. Wer sämtliche Positionen auf einmal veräußert, könne damit einen großen Gewinn realisieren und müsse entsprechend Steuern zahlen.
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Neben möglichen steuerlichen Folgen spricht noch ein weiterer Grund gegen vorschnelle Verkäufe: Viele Erben kennen die Struktur des geerbten Depots zunächst gar nicht: Welche Aktien, Fonds und ETFs befinden sich im Depot? Gibt es Konzentrationen auf einzelne Branchen oder Länder? Wie hoch sind die Kosten? Und vor allem: Welches Risiko steckt tatsächlich in der Anlagestruktur? „Erst verstehen, dann entscheiden und handeln“, fasst Eberhardt das Grundprinzip zusammen.
Nicht jede Aktie gehört ins neue Depot
Bei der Bewertung einzelner Positionen raten die Experten zu einem Perspektivwechsel. Die entscheidende Frage sei nicht, ob ein Wertpapier für den Verstorbenen einmal die richtige Wahl gewesen sei. „Eine Anlagestrategie sollte grundsätzlich zu dem Menschen passen, dem das Vermögen gehört“, sagt Morgen. Risikobereitschaft, Anlagehorizont und Lebenssituation könnten beim Erben völlig anders aussehen als beim ursprünglichen Depotinhaber.
Verlinkung Blogbeitrag: Geerbtes Depot: Diese sechs Warnsignale sollten Erben erkennen – sobald dieser online ist
Dieser Aspekt werde gerne übersehen, mahnt Benjamin Hofmann von der HPP Vermögensverwaltung. Bei einer Anlageberatung werde üblicherweise geprüft, ob eine Geldanlage zu den Kenntnissen, Erfahrungen, finanziellen Verhältnissen und Anlagezielen eines Kunden passe. Diese sogenannte Geeignetheitsprüfung wurde in aller Regel für den ursprünglichen Depotinhaber vorgenommen, nicht für den Erben. „Das Depot wechselt den Eigentümer, ohne dass jemand überprüft hat, ob die Anlagestruktur zum neuen Besitzer passt“, sagt Hofmann. Wer bislang kaum Erfahrung mit Kapitalmarktanlagen habe, kenne seine tatsächliche Risikotragfähigkeit häufig noch gar nicht. Gerade deshalb könne eine unabhängige Analyse des geerbten Vermögens sinnvoll sein. Erst wenn klar sei, welche Risiken man selbst tragen möchte und welche Ziele verfolgt werden, lasse sich beurteilen, welche Rolle die vorhandenen Wertpapiere künftig spielen sollen. Ähnlich sieht es Steigleder: „Das Depot muss zum Erben passen, nicht zum Verstorbenen“, sagt er. Vom Vater könne man Werte und Haltung übernehmen, „aber bitte nicht die Aktienquote“.
Gute Einzelwerte machen noch kein gutes Depot
Damit stellt sich die Frage nach der Struktur des Gesamtvermögens des Erben. Man sollte „nicht das Depot erben, sondern das Vermögen“, formuliert es Eberhardt. Erst wenn klar sei, wie das eigene Vermögen künftig strukturiert sein soll, lasse sich sinnvoll entscheiden, welche Wertpapiere weiterhin einen Platz darin haben. Die entscheidende Frage sei dabei nicht: „Ist das ein gutes Wertpapier?, sondern: Welche Aufgabe erfüllt dieses Wertpapier in meinem Gesamtvermögen?“, erklärt Eberhardt.
Besonders häufig finden sich in älteren Depots größere Bestände einzelner deutscher Industrieunternehmen. Solche Positionen seien nicht zwangsläufig schlecht, könnten aber erhebliche Klumpenrisiken darstellen, wenn sie alle aus derselben Branche oder Region stammen. Daher sollten Erben nicht nur auf einzelne Positionen schauen, sondern auf Diversifikation, Kosten und die Rolle der jeweiligen Anlage im Gesamtkontext. Auch Steigleder warnt vor emotionalen Bindungen an einzelne Titel. „Die Lieblingsaktie des Vaters ist kein Erbstück wie seine Uhr“, sagt der Vermögensverwalter. Man ehre einen Menschen nicht dadurch, dass man ein Klumpenrisiko pflege.
Interview mit Roland Schmack, Meine Werte GmbH: Warum Erben oft die falschen Entscheidungen treffen
Ein Wertpapierdepot zu erben kann ein großes Vermögen bedeuten – und ebenso große Unsicherheit. Viele Erben verkaufen aus Unkenntnis sofort alles oder lassen aus Respekt vor dem Verstorbenen jede Veränderung bleiben. Beides kann kostspielige Folgen haben. Vermögensverwalter Roland Schmack erklärt im Interview, warum man ein geerbtes Depot zunächst analysieren sollte, welche Steuerfallen drohen und weshalb man zwar Wertpapiere erbt, aber nicht automatisch die Anlagestrategie des Erblassers.
Roland Schmack: Ein geerbtes Depot ist kein brennendes Haus. Es besteht meist kein Grund, innerhalb weniger Tage alles umzuschichten. Die ersten Wochen sollten dazu dienen, sich einen Überblick zu verschaffen.
Schmack: Der größte Fehler ist, in den ersten Wochen aus dem Bauch heraus zu handeln. Manche Erben verkaufen aus Panik alles, was sie nicht verstehen. Andere lassen das Depot aus Ehrfurcht jahrelang unverändert, weil es schließlich das Depot des Vaters oder Großvaters war. Beides kann teuer werden. Wer sofort verkauft, kann unnötig Steuern auslösen. Wer gar nichts verändert, riskiert, dass das Depot nicht zur eigenen Lebenssituation passt. Ein 75-Jähriger investiert in der Regel anders als ein 40-Jähriger. Deshalb gilt: Keine übereilten Entscheidungen treffen. Nicht sofort verkaufen, aber auch nichts aus Sentimentalität behalten. Was man keinesfalls tun sollte: das gesamte Depot auf einen Schlag umschichten, weil jemand einen vermeintlich sicheren Tipp hat. Mein Tipp: Erst die Konsequenzen verstehen, dann handeln.
Schmack: Der erste Schritt ist eine vollständige Inventur. Welche Aktien, Fonds, ETFs oder Anleihen befinden sich im Depot? Wie hoch sind die steuerlichen Einstandskurse? Welche Kosten fallen an? Gibt es Konzentrationen auf einzelne Unternehmen, Branchen oder Länder? Anschließend würde ich die Positionen in die Kategorien „behalten“, „prüfen“ und „verkaufen“ einteilen.
Schmack: Für eine erste Einschätzung braucht es kein Finanzstudium. Drei Fragen reichen oft aus. Erstens: Was kostet mich die Anlage jedes Jahr? Hohe laufende Kosten können die Rendite auf Dauer erheblich schmälern. Ein Fonds mit mehr als zwei Prozent laufenden Kosten ist erklärungsbedürftig. Zweitens: Wie groß ist die Position im Depot? Wenn einzelne Titel 20 oder 30 Prozent des Vermögens ausmachen, entsteht schnell ein erhebliches Risiko. Drittens: Verstehe ich, was ich besitze? Kann ich erklären, womit ein Unternehmen sein Geld verdient und welche Rolle die Anlage im Depot spielt? Dabei sollte man aber nicht nach dem Motto handeln: „Was ich nicht verstehe, muss weg.“ Entscheidend ist, dass man weiß, welche Funktion eine Anlage erfüllt und welche Risiken damit verbunden sind.
Schmack: Wenn das geerbte Vermögen zu komplex erscheint, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Ein unabhängiger Blick kann helfen, Steuerfallen, Konzentrationsrisiken und unnötige Kosten zu erkennen. Die wichtigste Regel bleibt aber: Erst verstehen, dann handeln.
Schmack: Das Depot muss zum Erben passen, nicht zum Verstorbenen. Die Strategie des Verstorbenen war auf dessen Alter, Ziele und Risikobereitschaft zugeschnitten. Beim Erben kann das völlig anders aussehen. Deshalb sollte ein geerbtes Depot Schritt für Schritt an die eigene Situation angepasst werden. Ein geerbtes Depot ist kein Testament, das man aus Respekt unverändert fortführen muss. Es ist der Startpunkt für die eigene Vermögensstrategie.
Begriffserklärungen:
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Wer ein Wertpapierdepot erbt, erhält oft mehr als nur Vermögen. Viele Depots sind über Jahrzehnte gewachsen, spiegeln die Anlageentscheidungen des Verstorbenen wider und enthalten nicht selten erhebliche Kursgewinne. Für die Erben stellt sich dann die Frage: Alles verkaufen, alles behalten oder Schritt für Schritt neu ordnen?