Raus aus Riester? Das kann das neue Altersvorsorgedepot
Private Altersvorsorge stärken, das war die Grundidee, als die Riester-Rente 2002 startete. „Herausgekommen sind dabei aber viele komplizierte Produkte mit relativ hohen Kosten, die sich oft nur dank der staatlichen Förderung rentieren“, meint nicht nur Jürgen Prestel, Vermögensverwalter bei Hansen & Heinrich am Standort Kempten. Nachdem die Zahl der aktiv besparten Riester-Verträge in den letzten Jahren immer weiter zurück ging, hat sich die Bundesregierung jetzt etwas Neues einfallen lassen: Das Altersvorsorgedepot.
- Was kann der Riester-Nachfolger?
- Förderfakten
- Grafik: Welche Anlageprodukte nutzen Jung und Alt?
- Neue Möglichkeiten nutzen?
- Interview mit Jürgen Prestel: „Ein Altersvorsorgedepot sollte möglichst nicht der einzige Zusatzbaustein für einen angenehmen Ruhestand sein!“
- Infokasten: Auszahlung und Vererben von Altersvorsorgedepots
- Musterrechnung: Kritische Kosten
Was kann der Riester-Nachfolger?
„Eine Reform der komplizierte Riester-Rente war schon längst überfällig“, sagt auch Ingo Schweitzer, Vorstand bei der AnCeKa Vermögensbetreuungs AG aus Kaufbeuren, „endlich wird der Garantiezwang aufgelöst und gleichzeitig werden die Kosten gedeckelt.“ Sparer können – vorausgesetzt der Bundesrat stimmt dem Ende März im Bundestag beschlossenen Vorschlag noch zu – ab 2027 auf die bei Riester verpflichtenden Garantien verzichten und ihr Geld kostengünstig zum Beispiel über ETFs im Aktienmarkt gefördert investieren.*
Was vielleicht erstmal gefährlich klingt, ist erfahrungsgemäß auf lange Sicht ein enormer Vorteil: „Gerade bei langem, regelmäßigem Sparen über Jahrzehnte können Kurschwankungen über längere Zeiträume tendenziell an Bedeutung verlieren, bleiben aber ein wesentlicher Risikofaktor“, weiß Hansen & Heinrich-Finanzexperte Jürgen Prestel, „unter dem Strich ist die Renditechance bei einer Geldanlage ohne Garantie wesentlich höher.“ Oder anders gesagt, viele bisher angebotenen Riester-Produkte waren so sicher, dass kaum mehr Rendite übrig blieb, um die Inflation trotz Förderung auszugleichen. Allerdings wird es auch bei der neuen Lösung weiter möglich sein, dass Anbieter Produkte anbieten, die 80 oder 100 Prozent des eingezahlten Geldes garantieren oder Versicherungsvarianten anbieten.
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Verbraucherschützer raten hier besonders, genau auf die Konditionen zu achten. Gerade auf der Kostenseite bietet die Reform grundsätzlich positive Ansätze, denn Standardprodukte sollen maximal ein Prozent effektive Kosten pro Jahr haben. Zudem ist ein staatlich organisiertes Produkt geplant, dass einen möglichst günstigen Einstieg bieten soll. Aber was bringt der Riester-Nachfolger konkret und was passiert mit laufenden Verträgen?
Förderfakten
- Grundsätzlich soll es für jeden eingezahlten Euro bis zur Grenze von 360 Euro im Jahr 50 Cent Förderung geben. Das entspricht maximal 180 Euro. Allerdings gibt es eine Untergrenze: Es müssen mindestens 120 Euro pro Jahr eingezahlt werden.
- Es ist auch möglich bis zu 1440 Euro im Jahr darüberhinaus einzuzahlen, dann gibt es für jeden Extra-Euro 25 Cent Förderung, also bis zu 360 Euro. Insgesamt dürfen – alles zusammengerechnet – bis zu 6840 Euro pro Jahr in einen Vertrag eingezahlt werden. Das bringt zwar nicht mehr Förderung, aber kann steuerlich Sinn machen.
- Denn während der Ansparphase werden Wertsteigerungen oder Erträge nicht besteuert, was den Zinseszinseffekt verstärken sollte. Die Besteuerung nach dem persönlichen Einkommenssteuersatz erfolgt dann in der Auszahlphase.
- Besonders interessant sind solche Produkte für Eltern. Denn bei kindergeldberechtigtem Nachwuchs werden Einzahlungen zusätzlich belohnt: Es gibt pro Kind 1 Euro extra für jeden eingezahlten Euro, bis zu einer Obergrenze von 300 Euro im Jahr.
- Auch für junge Sparer unter 25 Jahren gibt es einen Extraanreiz. Sie erhalten einen einmaligen Berufseinsteiger-Bonus von 200 Euro, wenn sie einen Altersvorsorgevertrag abschließen.
Grafik: Welche Anlageprodukte nutzen Jung und Alt?

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Neue Möglichkeiten nutzen?
Wer mit seinem bestehenden Riester-Vertrag zufrieden ist, kann auch nach 2027 wie bisher weiter sparen und bekommt Zuschüsse nach dem alten Modell. Grundsätzlich wird es aber möglich sein, die angesparte Summe komplett in ein neues Altersvorsorgedepot oder Standardprodukt einzubringen, ohne die bisher erhaltenen Förderungen zurückzahlen zu müssen. Gut zu wissen: Einen neuen Vertrag werden jetzt zudem die allermeisten Selbständige abschließen dürfen. Etwas mehr Flexibilität im Vergleich zu Riester gibt es bei der Auszahlung. Nach dem 65igsten Geburtstag und vor dem 70igsten kann gewählt werden, ob eine Auszahlung lebenslang oder bis zum 85igsten laufen soll. Zusätzlich können bis zu 30 Prozent des Vermögens am Beginn der Auszahlphase sofort entnommen werden. Außerdem kann das Ersparte, wenn das der Vertrag mit dem Anbieter erlaubt, zum Beispiel zum Erwerb einer Immobilie oder für eine energetische Sanierung von selbst genutztem Wohneigentum verwendet werden, ohne die Förderung zurückzahlen zu müssen.
Schwieriger ist das, wenn ein Altersvorsorgedepot vererbt werden soll (s. Infokasten). Ganz ohne Tücken ist auch das neue System nicht, deswegen sollte für die Altersvorsorge möglichst auch noch andere, eventuell etwas flexiblere Säulen aufgebaut werden.
Die Vermögensexperten bewerten die Reform aber insgesamt positiv. „Eine Idee in die richtige Richtung“, sagt AnCeKa-Vorstand Ingo Schweitzer. Er gibt aber zu bedenken, dass es weiter ein Grundproblem geben wird: „Wer Garantien habe möchte, hat weniger Rendite.“ Auch sein Kollege Jürgen Prestel von Hansen & Heinrich stimmt da zu: „Das Altersvorsorgedepot ist zwar nicht perfekt, aber im Gegensatz zum Riester-System ist es ein Fortschritt.“ Es bleibe jedoch jetzt abzuwarten, was die Anbieter hier konkret daraus machen (s. Interview). Sparer sollten sich immer die Konditionen einzelner Produkte genau ansehen. Die Kosten werden weiter ein entscheidender Faktor sein, wie gut sich das geförderte Sparen auf lange Sicht rentieren wird (s. Beispielrechnung).
V-CHECK Video: Altersvorsorge neu gedacht: Lohnt sich das Altersvorsorgedepot?
Die private Altersvorsorge steht vor einem möglichen Wendepunkt: Ein neues Altersvorsorgedepot soll staatliche Förderung, steuerliche Vorteile und Kapitalmarkt-Investments kombinieren. Gleichzeitig rücken ETFs und flexible Anlagestrategien stärker in den Fokus – mit Chancen auf höhere Renditen bei niedrigen Kosten.
Antworten von Börsenmoderator Andreas Franik im Gespräch mit Carmen Bandt Geschäftsführerin der KIDRON Vermögensverwaltung GmbH.
Interview mit Jürgen Prestel: „Ein Altersvorsorgedepot sollte möglichst nicht der einzige Zusatzbaustein für einen angenehmen Ruhestand sein!“
Die nötige Reform der Riester-Rente bietet vielen Anlegern eine interessante Option für die private Altersvorsorge, trotzdem sollten sie ganz genau auf die Konditionen achten, sagt Jürgen Prestel, Vermögensverwalter bei Hansen & Heinrich am Standort Kempten.
Jürgen Prestel: Nachdem Riester an der oft kostenintensiven Ausgestaltung gescheitert ist, ist das neue Altersvorsorgedepot definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Der Kostendeckel von einem Prozent bei Standardprodukten ist auf jeden Fall eine Verbesserung. Grundsätzlich haben wir in Deutschland das Problem, dass sich viele immer noch mit dem Thema Aktienanlage schwertun. Gerade wenn jemand mit einer eher geringen Rentenaussicht nur begrenzt etwas zurücklegen kann, wird so auf Renditechancen verzichtet. Diese Zielgruppe tut sich oft schwer, hier bietet die Förderung im Rahmen des Altersvorsorgedepots gute Anreize.
Prestel: Dass die Anleger jetzt auch ETFs besparen können, ist eine gute Sache, da die langfristigen Renditechancen hier dank der geringen Kosten attraktiv sein können. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn viele Anbieter am Ende doch wieder eher die besonders sicheren Produkte im Versicherungsmantel bewerben würden – bei solchen Produkten verdienen sie einfach mehr. Die höheren Kosten und die begrenzten Renditeaussichten könnten dann trotz Förderung den letztendlichen Erfolg des Altersvorsorgedepots relativieren.
Prestel: Insbesondere für die, die begrenzte Möglichkeiten haben und pro Jahr zum Beispiel nur 360 Euro oder weniger zurücklegen können, ist die Aussicht auf bis zu 180 Euro Förderung schon ganz ordentlich. Hinzu kommt, dass der Zinseszinseffekt während der Ansparphase nicht durch Steuern gemindert wird und der persönliche Steuersatz bei eher Geringverdienenden auch in der Auszahlphase relativ günstig sein sollte. Bei Eltern kann die Kinderzulage dann nochmal bis zu 300 Euro zusätzliche Förderung pro Spross bringen. Auch für junge Sparer, die vor dem 25. Geburtstag mit dem Altersvorsorgedepot starten, können die dann einmalig ausgezahlten 200 Euro ein guter Startanreiz sein, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Prestel: Grundsätzlich wird es für die meisten sinnvoll sein, die noch Zeit haben bis zum Renteneintritt, insbesondere für Geringverdiener und für Eltern kleiner Kinder. Ein geförderter ETF-Sparplan wird sich über zwei, drei oder sogar vier Jahrzehnte für sie häufig rechnen können, ist aber von Marktentwicklung, Kosten und individueller Situation abhängig. Ist der verbleibende Ansparzeitraum dagegen kurz, wirkt der Zinseszinseffekt nicht mehr so stark. Das kann bei eher Wohlhabenden, die auch im Rentenalter noch einen hohen persönlichen Einkommenssteuersatz haben, dazu führen, dass sich die nachträgliche Besteuerung negativ auswirkt.
Prestel: Grundsätzlich plädieren wir immer für mehrere Säulen beim Vermögensaufbau. Im Idealfall kommen hier zu einem gesetzlichen und betrieblichen Rentenanspruch neben einem geförderten Altersvorsorgedepot auch flexibel einsetzbare Aktien- und andere Wertpapierbestände genauso dazu wie etwa Immobilienbesitz oder andere Sachwerte wie Edelmetalle. Wer kann, sollte heutzutage dafür sorgen, dass er im Alter auf verschiedene Quellen zurückgreifen kann. Aber nicht jeder verfügt über die dafür nötigen Einkünfte und dann kann das Altersvorsorgedepot schon ein zentraler Baustein sein.
Prestel: Das Altersvorsorgedepot ist zwar nicht perfekt, aber im Gegensatz zum Riester-System ist es ein Fortschritt. Es bleibt jetzt abzuwarten, was die Anbieter hier konkret daraus machen. Bei einem fairen Produkt mit einer günstigen ETF-Grundlage, sollte das attraktive Ergebnisse bringen. In der Realität wird so etwas aber wahrscheinlich verkompliziert werden, wovon oft eher der Anbieter als der Anleger etwas haben dürfte. Deswegen sollten Sparer auch beim Riester-Nachfolger genau hinsehen, was ihnen da angeboten wird.
Musterrechnung: Kritische Kosten
Monatlich in einen frei gewählten ETF-Sparplan einzahlen und für jeden einbezahlten Euro nochmal 25 bis 50 Prozent Förderung bekommen, so etwas muss sich doch lohnen? Zusätzlich gibt es Steuervorteile, dann muss es sich doch rechnen? Anleger sollten trotzdem einen Faktor im Auge behalten: Die Kosten. Denn die sind für Standardprodukte zwar gedeckelt, aber nur auf 1 Prozent effektiv. Was niedrig klingt ist im Vergleich zu einem normalen ETF-Sparplan mit durchschnittlich rund 0,2 Prozent Kosten wesentlich mehr und drückt langfristig die Rendite. Statt auf teure geförderte Produkte zu setzen, kann es sogar günstiger sein, einen normalen ETF-Sparplan zu besparen, zeigt die folgende Beispielrechnung:
| Netto-Vermögensauszahlung nach 40 Jahren | AV-Produkt 0,5% Kosten | AV-Produkt 1,0% Kosten | ETF-Sparplan ungefördert 0,2 % Prozent Kosten |
|---|---|---|---|
| bei 2% Jahresrendite | 103.000 € | 93.062 € | 97.961 € |
| bei 4% Jahresrendite | 159.103 € | 142.125 € | 144.223 € |
| bei 6% Jahresrendite | 256.045 € | 226.558 € | 224.720 € |
Quelle: Finanztip Altersvorsorgedepot-Rechner
* Kapitalanlagen am Aktienmarkt unterliegen Schwankungen und können zu Verlusten bis hin zum eingesetzten Kapital führen.
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