Ist es Zeit für Anleihen statt Aktien?
40 Billionen Dollar, das ist eine Zahl mit 13 Nullen. Niemand kann sich diese gigantische Summe wirklich vorstellen, aber so hoch sind inzwischen die Staatsschulden der USA. Im August 2026 überschritten sie nach Angaben des US-Finanzministeriums erstmals diese Marke. Um das Ausmaß wenigstens grob zu verdeutlichen: Würde jemand dafür hundert Dollarscheine flach aneinanderlegen, käme er mehr als einmal um die Erde. In Trumps Amerika beschleunigten zuletzt die Ausgaben für den Iran-Krieg und die Rückzahlung letztlich doch nicht gültiger Zölle die Entwicklung. Die Marktrendite 30-jähriger US-Staatsanleihen lag nach Angaben des US-Finanzministeriums am 18. September 2026 bei 5,34 Prozent jährlich und damit auf einem interessanten, aber nicht außergewöhnlichen Niveau.
Denn auch wenn der Schuldenberg beklemmend ist, noch zweifelt niemand so wirklich daran, dass die USA ihre Anleihen bedienen werden. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt befand sich Amerika nach den Daten des Fiscal Monitor des Internationalen Währungsfonds vom April 2026 mit rund 125 Prozent Schuldenquote noch in keinem exorbitanten Bereich. Zum Beispiel Frankreich bringt es auf 118, Italien auf 138 und Japan sogar auf 204 Prozent. Hier ist Deutschland mit circa 65 Prozent des BIP international betrachtet eher in der Strebergruppe.
Anleger könnten sich jetzt die Frage stellen, wenn es inzwischen sogar bei relativ sicheren Staatsanleihen wieder ordentliche Renditen gibt, ist das nicht eine Alternative zum schwankenden Aktienmarkt?
Anleihen vs. Aktien: Besser kalkulierbar und weniger Risiken?
Es gibt tatsächlich eine gewisse Bewegung, gerade in der meist auf Stabilität ausgelegten Vermögensverwalterbranche, etwas weniger auf Aktien und dafür etwas mehr auf Anleihen zu setzen. Der „Trendmonitor Vermögensverwaltung 2026“ des Münchner Instituts für Vermögensaufbau und QPLIX zeigt diesen Trend: Die Aktienquote im durchschnittlichen Depot sank 2025 um rund drei Prozentpunkte auf 59,7 Prozent, während der Anteil der Anleihen von 21,2 auf 23,2 Prozent stieg.
Tatsächlich gibt es inzwischen durchaus interessante Anlagemöglichkeiten bei festverzinslichen Papieren, gerade auch wenn sie von Unternehmen emittiert werden. Nicht zuletzt der Kapitalhunger der investitionsintensiven Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz führt zu einer Konkurrenzsituation, die letztlich den Anlegern nutzt. Also jetzt einfach Anleihen statt Aktien ins Depot holen, um weniger Risiko einzugehen und fest kalkulierbare Renditen zu nutzen? Zumindest die Studie der Vermögensverwalterbranche zeigt hier in eine ganz andere Richtung: Denn obwohl es eine Entwicklung zu mehr Anleihen in den Depots gibt, haben Aktien im Durchschnittsportfolio mit 59,7 Prozent weiter klar den Löwenanteil.
V-CHECK Video: Qualitätsaktien, KI & Anleihen: Der richtige Mix in unsicheren Zeiten
Schwankende Börsen, geopolitische Risiken und unsichere Konjunkturaussichten erhöhen den Druck auf Anleger. Gefragt sind Strategien, die langfristiges Wachstum mit stabilen Cashflows verbinden. Qualitätsaktien, künstliche Intelligenz und flexible Anleihekonzepte stehen dabei besonders im Fokus. Doch woran erkennt man echte Qualität – und wie gelingt der richtige Mix aus Chancen, Stabilität und Risikomanagement?
Antworten von Helge Müller, Gründer von Genéve Invest, im Gespräch mit Börsenmoderator Andreas Franik.
Bonität und Rendite von Anleihen
So einfach ist es allerdings nicht, denn Anleihe ist nicht gleich Anleihe. Welches Risiko so ein festverzinsliches Wertpapier hat, hängt stark vom Emittenten ab, also demjenigen, der eine Schuldverschreibung anbietet. Je wahrscheinlicher es ist, dass er Schulden inklusive Zinsen zahlen kann, desto besser ist seine Bonität oder anders gesagt, desto geringer wird das Risiko für einen Totalausfall eingeschätzt. Auch im Anleihenbereich gilt letztlich die Grundregel, wer höhere Rendite haben will, muss größere Risiken eingehen.
Bei 30-jährigen US-Staatsanleihen lag die Marktrendite nach Angaben des US-Finanzministeriums am 18. September 2026 bei rund 5,3 Prozent im Jahr. Bei deutschen Bundesanleihen mit vergleichbarer Laufzeit lag die Marktrendite nach Daten der Deutschen Finanzagentur zum gleichen Stichtag bei rund 3,8 Prozent jährlich.
Für Anleger aus Europa, die in Euro rechnen, kommt da bei US-Treasuries noch ein Problem dazu: Zumindest die derzeitige US-Regierung scheint bestrebt, die eigene Dollarwährung eher zu schwächen, was dazu führen könnte, dass der Wechselkurs quasi an der Rendite knabbert.
Inflation und Zinsänderungen
Ein weiteres grundsätzliches Problem kommt dann bei lang laufenden Wertpapieren mit nominalem Wert hinzu: Sie schützen nur teilweise vor Inflation. Ein Teil der Geldentwertung wird durch die Zinsrendite kompensiert, aber gerade bei Langläufern ist das Kapital dort erst einmal gebunden. Kommt es zu unerwartet starken Preisniveausteigerungen und reagieren die Zentralbanken darauf mit Zinserhöhungen – wie wir es erst vor wenigen Jahren erlebt haben – kann es kostspielig werden, die Papiere am Markt vorzeitig loszuwerden.
Papiere mit kurzen bis mittleren Laufzeiten bieten dabei grundsätzlich eine höhere Flexibilität, auf Veränderungen des Zinsumfelds zu reagieren. Auch Übertreibungen am Aktienmarkt gilt es zu berücksichtigen: Nicht jede Zukunftswette und nicht jeder Hype rund um Künstliche Intelligenz muss mitgemacht werden. Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, dem Aktienmarkt den Rücken zu kehren, die Chancen der Digitalisierung nicht zu sehen und nur noch auf Staatsanleihen zu setzen.
Festverzinsliche Wertpapiere und Aktien von Unternehmen aus verschiedenen Branchen weisen unterschiedliche Chancen und Risiken auf und können im Rahmen einer Diversifikation unterschiedliche Funktionen erfüllen. Eine breite Verteilung des Vermögens über verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Anleihen und Edelmetalle wie Gold kann zur Diversifikation beitragen.
Kurz gesagt: Langfristig kommt es auf die richtige Mischung an und nicht auf eine Wahl zwischen Aktien und Anleihen.
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Festverzinsliche Wertpapiere bieten wieder attraktive Renditen, aber trotzdem sollten Anleger sich breiter aufstellen und auch die Risiken dieser Anlageklasse berücksichtigen.
Wandelanleihen rücken derzeit wieder stärker in den Fokus. Hintergrund sind mehrere Entwicklungen im Marktumfeld: Die gestiegenen Zinsen haben die klassische Fremdfinanzierung für Unternehmen verteuert, wodurch Wandelanleihen für Emittenten attraktiver geworden sind. Der Kupon fällt aufgrund der integrierten Aktienoption in der Regel niedriger aus als bei klassischen Unternehmensanleihen.
Wer als Privatanleger an den Kapitalmärkten investiert, denkt oft in kurzen Zeiträumen. Kursrückgänge, Schlagzeilen und Marktkrisen prägen das Bild – und verstellen den Blick auf eine entscheidende Erkenntnis: Risiko ist keine feste Größe. Es verändert sich mit dem Anlagehorizont. Wer das berücksichtigt, kann Entscheidungen besser einordnen – egal ob er noch zwanzig Jahre bis zum Ruhestand hat oder bereits mittendrin ist.