Sell in May and go away – Börsenweisheit oder belastbare Anlagestrategie?

Sell in May and go away – Börsenweisheit oder belastbare Anlagestrategie?


Die Börsenweisheit „Sell in May and go away“ gehört zu den bekanntesten saisonalen Regeln an den Kapitalmärkten. Sie besagt, dass Anleger ihre Aktienpositionen im Mai verkaufen und erst im Herbst – klassischerweise im September oder Oktober – wieder in den Markt einsteigen sollten. Begründet wird dies mit der Annahme, dass die Sommermonate historisch schwächere Renditen aufweisen als das Winterhalbjahr.

Ein Beispiel: Ein Anleger verkauft Anfang Mai einen breit gestreuten Aktien-ETF und steigt im Oktober wieder ein. Die Strategie setzt darauf, die statistisch stärkeren Wintermonate mitzunehmen und schwächere Sommerphasen zu vermeiden.

Buy-and-Hold vs. Sell in May

  • Buy-and-Hold: Anleger bleiben dauerhaft investiert und verzichten auf Markt-Timing
  • Sell in May: saisonales Ein- und Aussteigen auf Basis historischer Muster
  • Zentrale Frage: Überwiegt der statistische Vorteil die Kosten und Risiken des Timings?

Ursprung und Grundgedanke

Die Börsenweisheit geht vermutlich auf eine alte Londoner Händlerregel zurück: „Sell in May and go away, and come back on St. Leger’s Day.“ Gemeint war die Rückkehr der Investoren nach der gesellschaftlichen Sommerpause in Großbritannien. Breitere Bekanntheit erhielt die Strategie vor allem durch die Studie von Bouman und Jacobsen aus dem Jahr 2002.

Eine der bekanntesten empirischen Untersuchungen hierzu stammt von Bouman und Jacobsen (2002). In ihrer international angelegten Studie zeigen die Autoren, dass Aktienmärkte in 36 von 37 untersuchten Ländern im Zeitraum von November bis April signifikant höhere durchschnittliche Renditen erzielten als zwischen Mai und Oktober. Die Ergebnisse basieren auf sehr langen Zeitreihen und gelten als robust gegenüber klassischen Risikofaktoren. (Quelle: Bouman/Jacobsen, „The Halloween Indicator“, 2002)

Empirische Betrachtung

Auch weitere Studien bestätigen grundsätzlich die Existenz saisonaler Renditeunterschiede an den Aktienmärkten. Eigene langfristige Auswertungen zeigen erfahrungsgemäß, dass das Winterhalbjahr über viele Jahrzehnte hinweg im Durchschnitt höhere Erträge lieferte als das Sommerhalbjahr. Gleichwohl ist dieser Effekt nicht in jedem Jahr und nicht in jedem Markt gleichermaßen ausgeprägt.

Aktuelle Marktanalysen weisen zudem darauf hin, dass Aktienmärkte in den Sommermonaten zwar häufig schwächer abschneiden, aber dennoch überwiegend positive absolute Renditen erzielen. Für den US-Markt zeigt sich beispielsweise, dass der Unterschied weniger in der Richtung als vielmehr in der Höhe der durchschnittlichen Erträge liegt. So erzielte der S&P 500 seit 1945 auch im Zeitraum Mai bis Oktober im Durchschnitt positive Renditen – allerdings deutlich niedrigere als im Winterhalbjahr (Quelle: Investopedia, „Should You Sell in May and Go Away? Probably Not“, 2024).

Praktische Umsetzung – Chancen und Risiken

Die Umsetzung von „Sell in May“ ist in der Praxis mit mehreren Herausforderungen verbunden:

  • Timing-Risiko: Der optimale Aus- und Wiedereinstiegszeitpunkt ist nicht eindeutig bestimmbar – Anleger müssen also aktiv entscheiden, wann sie handeln, ohne den „richtigen“ Zeitpunkt sicher zu kennen.
  • Transaktionskosten und Steuereffekte: Regelmäßiges Umschichten kann die Nettorendite schmälern.
  • Opportunitätskosten: Verpasste Gewinne, die entstehen, wenn der Markt in der Zwischenzeit steigt. In Jahren mit starken Sommer-Rallyes kann ein Marktausstieg zu erheblichen Renditeeinbußen führen.
  • Marktveränderungen: Moderne Kapitalmärkte sind heute durch hohe Liquidität, algorithmischen Handel und permanente Informationsverfügbarkeit geprägt, was saisonale Effekte abschwächen kann.

Die vollständige Börsenweisheit lautet allerdings: „Sell in May and go away – and remember to come back in September.“ Genau darin liegt das zentrale Problem solcher Strategien: Anleger müssen nicht nur entscheiden, wann sie aussteigen, sondern auch den richtigen Wiedereinstieg finden. Wird dieser verpasst, können bereits wenige starke Börsentage die langfristige Rendite deutlich beeinflussen.

Eigene Untersuchungen aus der Beratungspraxis kommen zu dem Ergebnis, dass eine mechanische Anwendung der Strategie langfristig keinen stabilen Vorteil gegenüber einer Buy‑and‑Hold‑Strategie (dauerhaft investiert bleiben statt Ein- und Ausstiegsversuche) bietet, insbesondere nach Kosten und Steuern.

Fazit

“Sell in May and go away“ basiert auf historisch beobachtbaren saisonalen Mustern, liefert aber keine verlässliche Entscheidungsgrundlage für sich allein. Gleichwohl zeigt die wissenschaftliche Literatur, dass sich daraus keine verlässliche, isolierte Anlagestrategie ableiten lässt. Für langfristig orientierte Anleger überwiegen die Risiken eines starren Markt-Timings.

Für die Praxis bedeutet das: Saisonale Effekte können ein Hinweis sein, ersetzen aber keine langfristige Anlagestrategie und keine individuelle Portfolioentscheidung.

Weitere bekannte Börsenweisheiten

  • „The trend is your friend“ – Trends an der Börse halten oft länger an als erwartet.
  • „Never catch a falling knife“ – Stark fallende Kurse bergen häufig zusätzliche Risiken.
  • „Politische Börsen haben kurze Beine“ – Märkte reagieren oft nur kurzfristig auf politische Ereignisse.

Solche Börsenweisheiten liefern interessante Denkanstöße, ersetzen aber weder eine fundierte Analyse noch eine individuelle Anlagestrategie.

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