Volkswirtschaftlicher Ausblick 2026: 8 Thesen für das neue Jahr
Wenn uns die letzten Jahre eines gelehrt haben, dann Folgendes: Überraschungen sind der Normalzustand. Deshalb formulieren wir unsere makroökonomischen Einschätzungen für 2026 bewusst als Thesen – mit der klaren Einsicht, dass die Realität voraussichtlich davon abweichen wird. Insbesondere vor dem Hintergrund diverser geopolitischer Konflikte und schwer bis gar nicht einschätzbarer politischer Akteure wie US-Präsident Trump oder dem russischen Despoten Putin, lassen sich daraus ergebende Entwicklungen schwer bis gar nicht prognostizieren.

Hinzu kommen neben mehreren noch ausstehenden höchstgerichtlichen Entscheidungen zu verschiedenen Maßnahmen und Erlassen des US-Präsidenten (etwa zu Zollfragen und der Entlassung einer Fed-Gouverneurin) vor allem die anstehende Neubesetzung des Chefpostens der US-Notenbank Fed im Mai dieses Jahres sowie die Midterm-Wahlen in den USA im November. Beide Ereignisse für sich haben großes Potenzial, bereits im Vorfeld massiven Einfluss auf politische und daraus abgeleitete wirtschaftliche Entwicklungen in den USA als Motor der Weltwirtschaft zu nehmen. Die folgenden Thesen können somit nur auf einem insgesamt neutralen Szenario ohne allzu großen (geo-)politischen Störfaktoren und mit der Maßgabe, dass sich am Ende alle Beteiligten möglichst rational verhalten, basieren.
These 1 – Die Wirtschaft beruhigt sich
Wir erwarten ein moderates Weltwirtschaftswachstum bei einer insgesamt weiter nachlassenden Inflation, die regional jedoch sehr hartnäckig und unterschiedlich ausfallen dürfte. Die Sondereffekte des Jahres 2025 (u. a. das sogenannte „Frontloading“ von Nachfrage und Lageraufbau in den USA aufgrund des Zollstreits) laufen aus. Die höheren effektiven Zölle dürften sich in höheren Kosten und Preisen niederschlagen, ohne jedoch das globale Wachstum zu kippen. Gleichzeitig dürfte die Geldpolitik der USA wieder planbarer werden und auch dadurch die wirtschaftliche Unsicherheit abnehmen, was sich positiv auf die Erwartungsbildung der Unternehmen und Verbraucher auswirken sollte.
These 2 – Robuste Konjunktur in USA
Wir gehen davon aus, dass die US-Wirtschaft dieses Jahr in ein spätes, aber robustes Zyklusstadium eintritt. Konsum und Beschäftigung dürften sich weiter normalisieren, ohne abrupt einzubrechen. Die Investitionen der Unternehmen bleiben in diesem Szenario hoch, getragen durch KI, Digitalisierung und Automatisierung. Bei der Geldpolitik ist mit sinkenden Zinsen zu rechnen, solange die Kerninflation weiter fällt und die Inflationserwartungen des Marktes gut verankert bleiben. Ungewiss erscheint jedoch weiter die handelspolitische Flanke: Eine erneute Zollspirale würde den Trend zu nur noch moderat steigenden Preisen (Disinflation) verzögern und temporär Wachstum kosten. Dagegen würde eine nachhaltige Deeskalation Investitionen und Produktivität spürbar beflügeln.
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These 3 – Eurozone im Zwiespalt
Für die Eurozone und insbesondere Deutschland erwarten wir eine weitere Stabilisierung der Wirtschaftsleistung. Steigende Reallöhne, ein stabiler Arbeitsmarkt, die Wirkung staatlicher Ausgabenprogramme und günstigere Finanzierungsbedingungen dürften den Konsum stützen. Gleichzeitig bremsen vergleichsweise hohe Energiekosten, der Wust an Vorschriften sowie anhaltende Wettbewerbsprobleme die Investitionen. Unsere Schlussfolgerung: Fiskalische Spielräume sollten 2026 gezielt angebotsseitig eingesetzt werden – vor allem in den sinnvollen Ausbau von Energie und zugehörigen Netzen, Bildung sowie Digitalisierung – während die EZB die Zinsen womöglich senken wird, sofern die Inflation weiter auf dem Rückmarsch ist. Die Unsicherheit bleibt erhöht, solange politische Fragmentierung sowohl in den einzelnen Mitgliedsländern als auch auf EU-Ebene insgesamt und Handelsspannungen mit den USA und China nicht dauerhaft aus dem Weg geräumt sind.
These 4 – Wachstumsmotor Asien
Wir rechnen damit, dass Asien auch 2026 den größten Wachstumsbeitrag liefert – jedoch mit unterschiedlicher Schlagzahl. In China dürfte sich das Wirtschaftswachstum weiter moderieren. Die Zentralregierung wird sich nach wie vor auf die Stabilisierung des Immobiliensektors, die Stärkung der Binnennachfrage und eine gezielte Industriepolitik konzentrieren. Entscheidend wird sein, ob Vertrauen und Konsum wieder tragfähiger werden. Indien bestätigt seine Rolle als struktureller Wachstumstreiber: Infrastruktur, Digitalisierung und eine sich verbreiternde industrielle Basis sorgen für ein überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum.
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Antworten von Börsenmoderator Andreas Franik im Gespräch mit Marco Herrmann, Geschäftsführer der FIDUKA-Depotverwaltung GmbH. Aufgezeichnet auf dem Parkett der Börse Frankfurt.
Die Herausforderung liegt weiterhin in nachhaltiger Bildung aller Gesellschaftsteile und somit in einer Erhöhung der qualifizierten Beschäftigungsbreite. Die Länder Südostasiens profitieren weiter von Lieferkettendiversifizierung, also der Reduktion von einzelnen Abhängigkeiten, und einem steigenden Binnenkonsum – mit zyklischen Schwankungen. Japans Wirtschaft dürfte 2026 moderat wachsen, getragen von steigenden Löhnen und einer nachlassenden Inflation, die den Konsum stützt. Risiken ergeben sich vor allem aus einem schwächeren Yen, höheren Finanzierungskosten und geopolitischen Unsicherheiten.
These 5 – Inflation geht weiter zurück
Die Preisindizes der relevantesten Volkswirtschaften der Welt dürften 2026 weiter in Richtung der von den jeweiligen Notenbanken vorgegebenen Zielkorridore laufen. Nach der Inflationsphase verläuft die Disinflation allerdings nicht einheitlich: In den USA dürfte die Teuerung tendenziell weiter über dem Zwei-Prozent-Ziel liegen, während Europa schneller dieses Ziel erreichen bzw. halten sollte. Viele Zentralbanken der Schwellenländer hatten früh die geldpolitischen Zügel angezogen. Dies gibt ihnen nun den Spielraum für größere Lockerungen. Daraus ergibt sich eine asynchrone globale Geldpolitik, die Währungen, Kapitalströme und Volatilität entscheidend beeinflusst.
These 6 – Dollar bleibt schwach
Die Kombination aus niedrigeren US-Zinsen, einer geringeren Zinsdifferenz zu Europa und einer zunehmenden politischen und fiskalischen Unsicherheit, insbesondere in den USA, spricht dafür, dass der Dollar auch 2026 weiter abwerten wird – mit Phasen erhöhter Volatilität. Für viele Emerging Markets ist dies positiv: Sie erleben bessere Finanzierungsbedingungen bei ihrer Verschuldung in US-Dollar, stärkere Kapitalflüsse und – oftmals – Rückenwind über Rohstoffpreise. Die Wachstumslücke zwischen Schwellen- und Industrieländern dürfte im laufenden Jahr somit weiter steigen.
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These 7 – KI breitet sich weiter aus
Wir sehen 2026 die Angebotsseite als wichtigsten Hebel: Die zunehmende Ausbreitung von Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Dateninfrastruktur entfaltet sich in immer mehr Branchen und Bereichen – von Industrie und Logistik bis Verwaltung und Gesundheit. Vorerst dominieren noch die enormen Investitionsausgaben und Betriebskosten (Kapazitätsauf- und -ausbau, Energie, Kühlung, Fachkräfte). Mittelfristig werden aber zum Teil erhebliche Effizienzgewinne das Potenzialwachstum der reifen Volkswirtschaften erhöhen. Voraussetzungen dafür sind eine wettbewerbsfähige (also genügend und günstige) Energie, schnelle und dezentral effizient eingesetzte Netze sowie beschleunigte Genehmigungen und Qualifizierung. Ohne diese Flankierung wird der Produktivitätsschub eher punktuell statt großflächig ausfallen.
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These 8 – Politik wird berechenbarer
Unser Kompass für 2026 ist klar: Im Zentrum sollte weltweit eine Handelspolitik stehen, die weniger von Ad-hoc-Maßnahmen und mehr von Berechenbarkeit geprägt ist – flankiert von einer fiskalischen Ausrichtung zugunsten der Angebotsseite und einer geldpolitischen Haltung, die Geduld wahrt. Nur eine Kombination aus klaren Regeln, planbaren Rahmenbedingungen und gezielten Investitionen schafft das Umfeld, in dem Disinflation und Wachstum zusammenpassen. Ob sich alle relevanten Akteure (dauerhaft) daran halten werden, steht auf einem anderen Blatt.
Am Ende sind wir jedoch überzeugt davon, dass sich Marktkräfte und -gesetze durchsetzen werden. Die normative Kraft des Faktischen zwingt am Ende in der Regel sogar die tollkühnsten politischen Akteure dazu, zumindest ansatzweise die notwendigen Wege einzuschlagen. Zumindest Donald Trump dürfte bei aller Unberechenbarkeit in einem Punkt berechenbar bleiben: Wirtschaftlicher Erfolg und daraus abgeleitet stabile Kapitalmarktentwicklungen dürften weiterhin seine oberste Priorität bleiben.
Was uns überraschen könnte
Das Bonmot „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“, wird nie alt. Und schon gar nicht bei Jahresausblicken, die nicht selten nach wenigen Tagen im neuen Jahr aufgrund unerwarteter Ereignisse wie z. B. dem Ausbruch der Corona-Pandemie in 2020 obsolet werden. Dennoch gehört es dazu, sich auf gewisse Szenarien vorzubereiten. Neben den vorstehenden Thesen als Basisannahme möchten wir Ihnen daher im Folgenden fünf mögliche „Überraschungen“ zu den Thesen vorstellen (aus positiver wie negativer Sicht).
- Eine unerwartet schnelle handelspolitische Entspannung, die Preise zügig entlastet und Investitionen spürbar belebt (positiv).
- Ein negativer Energieschock, ausgelöst etwa durch extreme Wetterereignisse oder geopolitische Krisen, der die Disinflation vorübergehend stoppt (negativ).
- Eine deutlich schnellere KI-Ausbreitung als erwartet, die den Produktivitätsschub frühzeitig verbreitert und damit Potenzialwachstum und Reallöhne positiv beeinflusst (positiv).
- ‘Stagflation light’ in den USA: eine hartnäckigere Inflation bei nachlassendem Wachstum zwingt die Geldpolitik in einen äußerst heiklen Zielkonflikt (negativ).
- Finanzielle Instabilität infolge von Bewertungsübertreibungen in Technologie- und Private-Asset-Segmenten und einem abrupten Umschwung im Risikoappetit der Investoren (negativ).
Unsere Haltung für 2026
Wir blicken zuversichtlich, aber nicht blauäugig auf die weltwirtschaftliche Entwicklung im neuen Jahr. Unsere Thesen skizzieren einen Pfad der makroökonomischen Beruhigung: moderates Weltwirtschaftswachstum und weiter sinkende Inflation in einer regional sehr unterschiedlichen Ausprägung. Gleichzeitig erwarten wir, dass die Unsicherheit auf verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Ebenen weiterhin eine zentrale Rolle spielen wird. Oder in einem Satz: Es wäre 2026 die größte Überraschung, wenn es keine Überraschungen gäbe.
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