Allzeithoch bei Aktien: Einsteigen oder warten?

Allzeithoch bei Aktien: Einsteigen oder warten?


Der S&P 500 auf Rekordniveau – und bei vielen Anlegern stellt sich dieselbe Frage: Was bedeutet ein solches Rekordniveau für Anleger? Intuitiv erscheint es sinnvoller, auf den nächsten Rücksetzer zu warten. Doch ein Allzeithoch ist nicht automatisch ein Warnsignal – und schon gar nicht gleichbedeutend mit einer hohen Bewertung.

Die Angst vor dem teuersten Einstieg

Kaum etwas fällt Anlegern schwerer, als Aktien zu kaufen, wenn die Kurse bereits deutlich gestiegen sind. Nach einer Korrektur erscheint der Einstieg günstig – obwohl die Schlagzeilen meist schlecht sind. Nach einem kräftigen Anstieg fühlt er sich dagegen riskant an – obwohl die wirtschaftlichen Aussichten häufig freundlicher erscheinen. Wer deshalb auf niedrigere Kurse wartet, steht vor einem grundlegenden Problem: Man muss nicht nur mit seiner Einschätzung richtig liegen, dass eine Korrektur bevorsteht. Man muss anschließend auch entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, tatsächlich zu investieren. Ein Blick auf die Geschichte des amerikanischen Aktienmarktes zeigt zudem, dass die Angst vor Rekordständen allein statistisch kaum begründet ist.

Was nach einem Allzeithoch tatsächlich passierte

Eine Untersuchung von J.P. Morgan und Bloomberg Finance zur Entwicklung des S&P 500 seit 1970 vergleicht die durchschnittlichen Renditen nach neuen Rekordständen mit allen übrigen Handelstagen. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Auf neue Allzeithochs folgte in den darauffolgenden zwölf Monaten im Durchschnitt eine Kursrendite von 9,6 Prozent. Nach allen übrigen Handelstagen waren es 9,4 Prozent. (Anmerkung: Frühere Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung.)

Natürlich bedeutet das nicht, dass Aktien nach einem Rekordstand zwangsläufig weiter steigen. Die Daten zeigen vielmehr: Der Rekordstand allein war historisch kein verlässliches Signal für schwache zukünftige Renditen. Unternehmen erwirtschaften Gewinne, investieren und erschließen neue Märkte. Steigen Gewinne und Cashflows langfristig, können auch Unternehmenswerte und Aktienkurse steigen. Neue Rekorde sind in einem langfristig wachsenden Markt daher weniger außergewöhnlich, als es auf den ersten Blick scheint.

Das Dilemma mit dem Warten

Der Wunsch, zunächst einen Rücksetzer abzuwarten, ist verständlich. Allerdings führt eine Korrektur nicht zwangsläufig zu einem niedrigeren Kursniveau als zuvor. Ein einfaches Gedankenexperiment verdeutlicht das: Steigt ein Markt zunächst von 100 auf 120 Punkte und fällt anschließend um zehn Prozent auf 108 Punkte, ist der Rücksetzer zwar eingetreten – das Kursniveau liegt dennoch acht Prozent über dem Ausgangsniveau. Entscheidend ist also nicht nur, ob eine Korrektur eintritt, sondern auch, von welchem Niveau aus sie beginnt.

Hinzu kommt eine zweite Schwierigkeit: Ausmaß und Tiefpunkt einer Korrektur lassen sich im Voraus nicht verlässlich bestimmen. Gerade in Korrekturphasen verändern sich zudem Nachrichtenlage und Markterwartungen häufig erheblich. Market Timing setzt daher nicht nur eine zutreffende Einschätzung der bevorstehenden Kursentwicklung voraus, sondern auch des weiteren Marktverlaufs.

Allzeithoch heißt nicht automatisch teuer

Die historischen Zahlen sind allerdings kein Freifahrtschein für Aktien. Denn häufig werden zwei Dinge miteinander vermischt: Kursniveau und Bewertung. Dass ein Index auf einem Allzeithoch notiert, sagt zunächst nur, dass sein Punktestand höher ist als jemals zuvor. Ob die darin enthaltenen Unternehmen tatsächlich teuer oder günstig sind, lässt sich daraus allein nicht ableiten. Eine hohe Bewertung sollte ebenfalls nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist, welche Gewinnentwicklung und Wachstumserwartungen ihr gegenüberstehen. Aktuelle Daten von FactSet (S&P 500 Earnings Season Update: July 24, 2026, John Butters.) zeigen beide Seiten: Das Forward-KGV des S&P 500 lag im Juli 2026 mit 20,1 über seinem Zehnjahresdurchschnitt von 19,0. Das Forward-KGV setzt den aktuellen Kurs ins Verhältnis zu den erwarteten Unternehmensgewinnen. Gleichzeitig erwarteten Analysten laut FactSet für 2026 ein deutliches Gewinnwachstum.

Gerade bei Wachstumsunternehmen wird diese Unterscheidung wichtig. Steigen die Gewinne schneller als der Aktienkurs, kann die Bewertung sinken, obwohl die Aktie gleichzeitig neue Höchststände erreicht. Ein Aktienkurs kann also so hoch stehen wie nie zuvor – und das Unternehmen dennoch günstiger bewertet sein als zu einem früheren Zeitpunkt mit niedrigerem Kurs. Umgekehrt kann eine Aktie deutlich unter ihrem Höchststand notieren und trotzdem teuer sein, wenn sich die Gewinnperspektiven verschlechtert haben. Der Blick auf den Kurs allein reicht daher nicht aus. Die Indexbeschreibung und Methodik zum S&P 500 Value von S&P Dow Jones Indices liefert hierzu die entsprechende Einordnung.

Das Wichtigste im Überblick

  • Allzeithoch ist kein Warnsignal: Historisch waren neue Rekordstände beim S&P 500 kein verlässlicher Indikator für schwächere Folgerenditen.
  • Warten garantiert keinen besseren Einstieg: Ein Rücksetzer kann von einem deutlich höheren Kursniveau aus erfolgen – erfolgreiches Market Timing erfordert zudem auch den richtigen Wiedereinstieg.
  • Kurs und Bewertung sind nicht dasselbe: Ein neuer Höchststand sagt für sich genommen wenig darüber aus, ob eine Aktie oder ein Markt teuer bewertet ist.

Fazit

An der Börse fühlt sich der richtige Einstiegszeitpunkt erstaunlich selten richtig an. Nach starken Kursverlusten ist die Unsicherheit groß, nach starken Kursgewinnen wächst die Sorge, zu spät zu kommen oder zu teuer einzusteigen. Die historischen Daten von J.P. Morgan zeigen jedoch, dass neue Rekordstände beim S&P 500 keineswegs zwangsläufig Vorboten schwacher Renditen waren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Allzeithochs ungefährlich sind. Hohe Bewertungen, enttäuschte Gewinnerwartungen, konjunkturelle Rückschläge oder geopolitische Ereignisse können jederzeit zu deutlichen Kursverlusten führen. Ein Rekordstand allein sagt jedoch wenig darüber aus, wie hoch dieses Risiko tatsächlich ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Erwartungen bereits in den Kursen enthalten sind und welche Ertragskraft ihnen gegenübersteht.

Für langfristige Anleger zählt daher weniger, ob ein Index gerade einen neuen Rekord markiert. Entscheidend ist, welche Ertragskraft und Wachstumsperspektiven sie für den gezahlten Preis erhalten – und ob das damit verbundene Risiko zum eigenen Anlagehorizont passt.

Die Anlage in Wertpapieren ist auch immer mit Risiken verbunden. Anleger sollten sich vor Abschluss einer Investition über die einschlägigen Risiken informieren. Nähere Informationen zu möglichen Risiken finden Sie unter: https://www.v-check.de/risikohinweise

Der Inhalt dieser Website dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann ein persönliches Beratungsgespräch nicht ersetzen. Die Veröffentlichungen stellen keine Anlageberatung und daher keine Empfehlung oder Angebot zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzinstrumente dar.

Lesen Sie mehr Expertenbeiträge zu Markt & Börse

Allzeithoch bei Aktien: Einsteigen oder warten?

Der S&P 500 auf Rekordniveau – und bei vielen Anlegern stellt sich dieselbe Frage: Was bedeutet ein solches Rekordniveau für Anleger? Intuitiv erscheint es sinnvoller, auf den nächsten Rücksetzer zu warten. Doch ein Allzeithoch ist nicht automatisch ein Warnsignal – und schon gar nicht gleichbedeutend mit einer hohen Bewertung.

Quo vadis Ölpreis?

Heizöl, Diesel und Benzin werden immer teurer. Das lässt Inflationsängste aufkommen und schürt Konjunktursorgen. Das muss alles nicht so kommen! Und selbst wenn, spricht das nicht gegen eine langfristig ausgerichtete Vermögensstrategie.

Energieaktien als Zukunftsthema: Warum Resilienz wichtiger wird als der Ölpreis

Energie bleibt ein Grundstoff der Weltwirtschaft. Der Umbau des Energiesystems verändert die Nachfrage und erhöht zugleich den Bedarf an Versorgung, Infrastruktur und Technologie. Für Anleger können Energieaktien deshalb einen breiteren Zugang zum Energiesystem bieten als die reine Wette auf den Ölpreis.

Sie suchen nach unabhängigem Finanzwissen, das sich auszahlt?

Jetzt kostenfrei zum V-CHECK Newsletter anmelden