Vom Trend zum Risikofaktor: Nachhaltigkeit in der Geldanlage
- Fragen Ihre Kunden derzeit noch aktiv nach nachhaltigen Geldanlagen?
- Ist das Interesse tatsächlich so stark zurückgegangen?
- Welche Rolle spielte die Regulierung dabei?
- Wie hat sich die Wahrnehmung verändert?
- Gibt es Unterschiede zwischen den Anlegergruppen?
- Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit heute noch im Investmentprozess?
- Wie sehen Sie die Zukunft nachhaltiger Geldanlagen?
- Was wird Nachhaltigkeit langfristig relevant halten?
Experten Interview: ESG nach dem Hype: „Die Nachhaltigkeit hat den Marketingmantel abgelegt“
Ortay Gelen ist Vermögensverwalter bei der AXIA Asset Management GmbH.
Fragen Ihre Kunden derzeit noch aktiv nach nachhaltigen Geldanlagen?
Gelen: Ehrlich gesagt: selten von sich aus. Was ich erlebe, ist keine Ablehnung, sondern eher eine gewisse Erschöpfung. Vor drei, vier Jahren musste ich manchmal regelrecht bremsen – heute bringe ich das Thema selbst auf, wenn es passt, und warte nicht darauf, dass der Kunde fragt.
Ist das Interesse tatsächlich so stark zurückgegangen?
Gelen: Die entscheidende Frage ist: Wurde ESG jemals von der breiten Masse wirklich nachgefragt? Meiner Erfahrung nach: Jein. Vielleicht 15 bis 20 Prozent meiner Mandanten waren und sind aus echter Überzeugung dabei. Viele andere haben das Thema mitgetragen, weil es gesellschaftlich präsent war. Das war eher Zeitgeist als Überzeugung.
Welche Rolle spielte die Regulierung dabei?
Gelen: Keine besonders glückliche. Die Nachhaltigkeitspräferenzabfrage war in ihrer Umsetzung eine Farce und hat viele Kunden eher verwirrt als informiert. Manche haben nach mehreren Fragebögen gesagt: „Streichen Sie das einfach, ich möchte davon nichts mehr hören.“ Das hat dem Thema eher geschadet.
Wie hat sich die Wahrnehmung verändert?
Gelen: Viele ESG-Portfolios waren zu stark auf erneuerbare Energien und Green Tech konzentriert. Das hat in schwächeren Marktphasen Vertrauen gekostet. Gleichzeitig ist das Thema Rüstung neu bewertet worden. Heute schließen nur noch wenige Vermögensverwalter Rüstungswerte kategorisch aus. Die Realität hat die ESG-Absolutisten in eine argumentative Zwickmühle geführt, aus der sie sich nicht elegant befreit haben.
Gibt es Unterschiede zwischen den Anlegergruppen?
Gelen: Ja. Meiner Erfahrung nach interessieren sich Jüngere Erben oft stärker für Nachhaltigkeit als ihre Eltern, verlangen aber konkrete Wirkung statt Hochglanzbroschüren. Frauen fragen häufig strukturierter und ernsthafter nach. Sehr vermögende Kunden investieren dagegen oft direkt in Projekte und weniger über ESG-gelabelte Produkte.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit heute noch im Investmentprozess?
Gelen: Sie ist relevant. Klimarisiken, Risiken durch neue gesetzliche Vorgaben und Schwächen in der Unternehmensführung sind reale ökonomische Risiken. Wer einen Stahlkonzern analysiert, ohne die CO2-Kosten der nächsten Dekade einzupreisen, arbeitet mit einem veralteten Modell. Insofern ist Nachhaltigkeit im Investmentprozess nie ganz verschwunden – sie hat nur den Marketingmantel abgelegt und ist ins Handwerk zurückgekehrt.
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Referenten: Andreas Enke, Vorstand der GENEON Vermögensmanagement AG in Hamburg. Martin Nieswandt, Geschäftsführer von VenGa – Verein zur Förderung ethisch-nachhaltiger Geldanlagen e.V.
Wie sehen Sie die Zukunft nachhaltiger Geldanlagen?
Gelen: Ich erwarte keine Rückkehr des Hypes, aber auch kein Verschwinden des Themas. Wahrscheinlich erleben wir jetzt die Phase der Professionalisierung nach der Ernüchterung. Das Muster sehen wir bei jedem großen Thema: erst Euphorie, dann Übertreibung, dann Ernüchterung, dann – leise, ohne Schlagzeilen – solides Handwerk.
Was wird Nachhaltigkeit langfristig relevant halten?
Gelen: Aus meiner Sicht vor allem drei Entwicklungen: erstens physische Klimarisiken. Kein Regulator muss Überschwemmungsschäden oder Hitze-induzierte Ernteausfälle als Risikofaktor vorschreiben – die Märkte werden sie einpreisen. Zweitens der Generationenwechsel bei großen Vermögen. Die nächste Erbengeneration wird eigene Maßstäbe setzen, und die werden komplexer und ehrlicher sein als die Labels ihrer Eltern. Und drittens bessere Daten und KI-gestützte Analysen, die es ermöglichen, Nachhaltigkeitswirkung wirklich präzise und vergleichbar zu messen. Das verändert die Diskussion fundamental.
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