Aktive ETFs - Das Comeback des aktiven Investierens im ETF-Mantel

Aktive ETFs - Das Comeback des aktiven Investierens im ETF-Mantel


Aktive ETFs verbinden die Flexibilität klassischer Indexfonds mit den Chancen aktiver Strategien. Doch ob sie halten, was sie versprechen, ist umstritten. Experten sehen Potenzial und gleichzeitig Risiken und offene Fragen. Für Anleger gilt: Prüfen statt blind vertrauen.

Die ETF-Welt verändert sich. Nach Jahren des Siegeszugs passiver Indexfonds drängen nun aktive ETFs auf den Markt. Sie sollen das Beste aus zwei Welten vereinen: „Aktive ETFs sind ein spannender Hybrid: Sie kombinieren die Flexibilität und Kostentransparenz klassischer ETFs mit dem aktiven Managementansatz, der eigentlich aus der Fondswelt kommt“, sagt Jonathan Mayer von der ALPS Family Office AG. Für Anleger, die bewusst eine Abweichung vom Markt suchen, können sie interessant sein. Doch Mayer warnt: „Auch aktive ETFs sind keine Wunderwaffe, denn sie können hinter dem Markt zurückbleiben und die Gebühren liegen häufig über denen von passiven ETFs.“

Rasantes Wachstum – aber noch ein Nischenmarkt

Die Produktpalette wächst rasant. „Allein die Zahl der aktiv verwalteten UCITS-Aktien-ETFs stieg 2024 auf rund 120 und verdoppelte sich damit nahezu innerhalb eines Jahres“, berichtet Sven Langenhan von HRK LUNIS aus München. Weltweit verwalten aktive ETFs inzwischen rund 700 Milliarden US-Dollar. Dennoch bleiben sie eine Nische: Von den 2.700 ETFs in Deutschland sind nur knapp 200 aktiv.

Die Vorteile liegen auf der Hand: „Ein zentraler Vorteil aktiver ETFs ist ihre Flexibilität. Fondsmanager können theoretisch schnell auf Marktveränderungen reagieren und ihre Portfolios dynamisch anpassen“, so Langenhan. Diese Flexibilität ist besonders in volatilen Phasen wertvoll. Die Kehrseite ist das Risiko der Underperformance. „Historische Daten zeigen, dass es nur relativ wenigen Fondsmanagern langfristig gelingt, den Markt dauerhaft zu übertreffen“, betont er.

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In den vergangenen Jahren gewannen ETFs als Anlageform stark an Beliebtheit. Sie bieten Anlegern eine einfache Möglichkeit, breit gestreut und kostengünstig zu investieren. Experten sagen: Gerade ETFs seien ideal, um Vermögen für die Altersvorsorge aufzubauen oder allgemein auf langfristige Anlageziele hin zu arbeiten. Gleichzeitig weisen diese auch auf Risiken bei ETFs hin. Beispielsweise haben ETFs auf den MSCI World auch oft Klumpenrisiko und können daher auch gefährlich sein.

Mehr Flexibilität hat ihren Preis

Dafür sind aktive ETFs teurer als ihre passiven Pendants. Für Berkin Varlik von der SVA Vermögensverwaltung Stuttgart ist das allerdings kein Argument, die Produkte zu meiden. „Wer 20 Basispunkte mehr bezahlt und dafür echten Mehrwert erhält, fährt mit einem aktiven ETF besser als mit einem passiven Indexprodukt“, ist er überzeugt. „Doch echten Mehrwert muss man erstmal finden“, fügt er hinzu. Man laufe Gefahr, einen schwachen Manager zu erwischen. „Aktive ETFs sind ideal für Anleger, die mehr wollen als reines Index-Tracking und trotzdem Wert auf geringe Kosten und volle Handelbarkeit legen“, ist sein Fazit.

Aktive ETFs als gezielte Ergänzung im Portfolio

Geeignet sind aktive ETFs vor allem als Ergänzung. „Für den Kern des Portfolios bleibt Passiv die Benchmark, Aktiv gehört dosiert als Satellit dazu“, empfiehlt Mirko Hajek von RP Rheinische Portfolio Management. Er warnt vor Closet Indexing – zu wenig aktiver Einsatz bei aktivem Preisschild.

Gerade in weniger effizienten Märkten, etwa bei Unternehmensanleihen oder in Nischenregionen, könnten aktive Strategien einen Mehrwert liefern, ist Lennart Burger von der Albrecht, Kitta & Co. Vermögensverwaltung aus Hamburg überzeugt.

Große Bandbreite: Von indexnah bis klar aktiv

Die Vielfalt der aktiven ETFs ist groß. Es gibt einfache Research-Enhanced-Strategien, die nur leicht vom Index abweichen, und vollständig aktiv verwaltete Produkte, die größere Freiheitsgrade bieten. „Letztere hängen stark von der Qualität des Managements ab und können erheblich vom Markt abweichen“, ergänzt Jonathan Mayer vom ALPS Family Office aus Dietmannsried

Nicolas Pilz von der Düsseldorfer Societas Vermögensverwaltung sieht die konservativen Varianten als erste Wahl: „Research-Enhanced-Strategien sind oft kostengünstig und transparent. Vollständig aktive ETFs dagegen richten sich eher an erfahrene Anleger, die gezielt auf aktives Management setzen wollen.“

Interview mit Franz Kaim: Aktive ETFs – Mehr Schein als Sein?

Aktive ETFs stehen aktuell im Rampenlicht. Diese Anlageform soll die Flexibilität des aktiven Managements mit den strukturellen Vorteilen von ETFs kombinieren. Franz Kaim, Geschäftsführender Gesellschafter der KIDRON Vermögensverwaltung aus Stuttgart, erklärt im Interview, ob aktive ETFs ihren ambitionierten Versprechen wirklich gerecht werden.

Franz Kaim

„Anleger zahlen für ein Versprechen, das bislang selten eingelöst wurde“

Franz Kaim: Das Versprechen aktiver ETFs klingt verlockend: die Flexibilität und Selektionskraft des aktiven Managements kombiniert mit den Vorteilen der ETF-Struktur. Doch ob dieses Hybridmodell wirklich einen nachhaltigen Mehrwert bringt, bleibt offen.

Kaim: ETFs stehen für Transparenz, Effizienz und Kostendisziplin. Sie folgen klaren Regeln und bilden Indizes passiv ab, ohne den Anspruch, den Markt zu schlagen. Genau das hat sie so erfolgreich gemacht. Aktive ETFs bringen eine alte Idee im neuen Gewand zurück und damit auch die bekannten Schwächen aktiver Strategien.

Kaim: Langfristig schaffen es die meisten aktiven Manager nicht, ihre Benchmarks zu übertreffen, insbesondere nach Abzug der Kosten. Warum sollte das im ETF-Mantel plötzlich gelingen?

Hinzu kommt, dass viele aktive ETFs noch jung sind. Sie haben noch keinen belastbaren Track Record und oft fehlt eine standardisierte Benchmark. Ohne klare Vergleichsmaßstäbe ist es für Anleger schwer, zwischen Können und Zufall zu unterscheiden. Das gilt umso mehr, wenn Manager taktisch agieren, ohne eine klar kommunizierte oder regelbasierte Strategie.

Kaim: Es gibt ein Problem mit der Nachvollziehbarkeit. Während klassische ETFs täglich offenlegen, was sie halten, bleibt bei aktiven Varianten oft unklar, welche Strategie verfolgt wird. Manche Anbieter veröffentlichen Positionen mit Zeitverzögerung oder gar nicht im Detail. Das widerspricht dem Transparenzversprechen, mit dem ETFs einst angetreten sind.

Kaim: Aktive ETFs positionieren sich als günstigere Alternative zu klassischen aktiven Fonds – was in vielen Fällen stimmt. Doch sie sind immer noch deutlich teurer als rein passive Produkte. Wenn der potenzielle Mehrwert nicht belegbar ist, wird selbst ein niedriger Aufschlag zur Hürde. Anleger zahlen für ein Versprechen, das bislang selten eingelöst wurde.

Kaim: Viele ETF-Anbieter, die heute aktive Produkte vermarkten, waren noch vor wenigen Jahren Verfechter des passiven Investierens. Jetzt soll aktives Management plötzlich sinnvoll sein? Der Verdacht liegt nahe, dass hier vor allem Marketing und Marktbedürfnisse die Entwicklung bestimmen, nicht die Überzeugung, im Sinne des Anlegers zu handeln.

Kaim: Aktive ETFs mögen modern wirken, in der Praxis vermengen sie die Herausforderungen aktiver Strategien mit den strukturellen Anforderungen eines ETFs. Sie sind weder besonders transparent noch konsistent überlegen. Wer über die Marktrendite hinaus aktiv investieren möchte, sollte auf bewährte Instrumente setzen: auf klar kommunizierte Strategien, erfahrene Manager und transparente Fondsstrukturen. Die ETF-Hülle allein macht aus einer aktiven Idee noch lange kein überlegenes Produkt.

Die Anlage in Wertpapieren ist auch immer mit Risiken verbunden. Anleger sollten sich vor Abschluss einer Investition über die einschlägigen Risiken informieren. Nähere Informationen zu möglichen Risiken finden Sie unter: https://www.v-check.de/risikohinweise

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